Niedergelassene Ärzte kämpfen um faire Finanzierung und stabile Digitalisierung im Gesundheitswesen
Hans-Josef BeckmannNiedergelassene Ärzte kämpfen um faire Finanzierung und stabile Digitalisierung im Gesundheitswesen
Deutschlands niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten behandeln fast alle Patient:innen – doch ihr Anteil an den Gesundheitsausgaben bleibt gering. Dennoch belasten anhaltende Probleme wie Unterfinanzierung, digitale Pannen und ungerechte Kostenverteilungen das System. Nun erheben führende Mediziner:innen scharfe Kritik an den jüngsten Reformvorschlägen und fordern dringende Kurskorrekturen.
Zwischen 2019 und 2024 entging den Vertragsärzt:innen durch nicht erstattete Leistungen und strenge Budgetvorgaben ein Betrag von über 11 Milliarden Euro. Trotz dieser Verluste wirft die Ärzteschaft der Bundesregierung vor, mutige Reformen bei der Finanzierung des Gesundheitswesens zu blockieren. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die die Interessen der niedergelassenen Ärzt:innen vertritt, moniert bei den Verantwortlichen mangelnden Willen, die strukturellen Defizite anzugehen.
Tägliche Störungen in der Telematikinfrastruktur (TI) erschweren die Arbeit in den Praxen: Häufige Ausfälle, abgebrochene Datenströme und anhaltende Probleme mit den elektronischen Gesundheitskarten (eGK) prägen den Alltag. Dr. Sibylle Steiner fordert ein Ende dieser Instabilität und drängt im Rahmen des geplanten Digitalgesetzes auf eine zuverlässige TI sowie bessere Praxissoftware. Zudem kritisiert sie das Apotheken-Versorgungsstärkungsgesetz (ApoVWG) in seiner aktuellen Form: Das System schüre Misstrauen in die Gesundheitsversorgung und benötige dringend Nachbesserungen.
KBV-Chef Dr. Andreas Gassen übt scharfe Kritik an der Apothekenreform, die Apotheken pauschal eine Milliarde Euro zusätzliche Festbeträge für Verpackungen zusichert. Gleichzeitig prangert er an, dass weiterhin große Summen in die stationäre Versorgung fließen, statt in hochwertige, patientenzentrierte ambulante Leistungen. Unberücksichtigt bleibt dabei das Problem der nicht versicherungsfähigen Leistungen, die das System mit bis zu 45 Milliarden Euro belasten – ein Posten, der in den Spardebatten bisher ausgeklammert wird.
Dr. Stephan Hofmeister zeigt sich entsetzt über den aktuellen Entwurf zur Notfallversorgungsreform. Der Plan sieht vor, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) auch während der regulären Sprechzeiten rund um die Uhr Telemedizin und Hausbesuche anbieten müssen. Kritiker:innen warnen, dass dies die ohnehin überlasteten Praxen zusätzlich überfordere.
Dabei übernehmen ambulante Arztpraxen 97 Prozent aller Behandlungsfälle – erhalten aber nur 16 Prozent der Gesundheitsausgaben. Angesichts unbezahlt erbrachter Leistungen, digitaler Zusammenbrüche und ignorierter Kostendruckfaktoren fordern die Mediziner:innen eine gerechtere Finanzierung und kluge Reformen. Die Politik steht zunehmend unter Zugzwang, bevor das System an seine Belastungsgrenzen stößt.






