01 February 2026, 16:57

Wie Theater die Abgründe von Verschwörungstheorien und echten Krisen aufbricht

Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung einer chaotischen TheaterSzene mit einer Menge von Menschen, einige stehen, einige liegen auf dem Boden und einige sitzen links. Rechts hält jemand ein Schild mit der Aufschrift "Die letzte Szene des Triumphs der Reform oder der Fall der Boro Mongers."

Wie Theater die Abgründe von Verschwörungstheorien und echten Krisen aufbricht

Eine mutige neue Performance fordert das Publikum heraus, sich mit Verschwörungstheorien und realen Krisen auseinanderzusetzen. "We Crisis Actors: Lookalike in Anger!" – eine Zusammenarbeit der Berliner Theatergruppe Thikwa und des Künstlerkollektivs andcompany&Co. – nimmt rechtsextreme Mythen ins Visier und lotet zugleich die Idee aus, sich für Katastrophen zu proben. Die Inszenierung verbindet schwarzen Humor mit beunruhigenden Fragen nach Wahrheit, Trauma und Überleben in turbulenten Zeiten.

Die Aufführung beginnt mit Absurdität und Chaos, nutzt Satire, um das Publikum zu ködern – doch allmählich verändert sich der Ton, als sie die düsteren Wurzeln der "Crisis-Actor"-Verschwörungstheorie freilegt. Diese unterstellt, Überlebende von Tragödien seien bezahlte Darsteller, die ihr Leid nur vortäuschen. Alexander Karschnia, Mitglied von andcompany&Co., verweist auf den Schulmassaker an der Marjory Stoneman Douglas High School 2018, bei dem Schüler, die sich gegen Waffengewalt engagierten, von Verschwörungsgläubigen als "Schauspieler" abgetan wurden. Mit spielerischer Provokation fragt er, ob selbst die Mondlandung inszeniert gewesen sein könnte – und zwingt das Publikum, darüber nachzudenken, wie leicht Wahrheit manipuliert werden kann.

Die Inszenierung weitet ihren Blickwinkel und verwandelt die Bühne in einen "theatralischen Spiegelkabinett" der heutigen, sich überschneidenden Krisen. Sie thematisiert nukleare Bedrohungen, den Klimakollaps und systemische Versagenszustände – und stellt die Frage, ob die Gesellschaft darauf vorbereitet ist, sie zu bewältigen. Ein prägnanter Abschnitt zeigt professionelle "Krisendarsteller", die für unvorstellbare Katastrophen proben, und verwischt so die Grenze zwischen Vorbereitung und Ausbeutung. Der Höhepunkt der Aufführung ist roher, emotionaler Furor: ein Lied über erlittenen Schmerz und den beharrlichen Willen, weiter zu schaffen – selbst angesichts des Zusammenbruchs.

Am Ende erntet das Ensemble stehende Ovationen. Der Applaus folgt einem Weg von Lachen über Unbehagen hin zu einer gemeinsamen Erkenntnis: der Zerbrechlichkeit – und zugleich der Widerstandskraft – menschlicher Verbundenheit.

Die Produktion hinterlässt Spuren, indem sie zur Konfrontation mit unangenehmen Wahrheiten zwingt. Sie entlarvt, wie Verschwörungstheorien Zweifel als Waffe einsetzen, und fragt zugleich, was es bedeutet, für Krisen zu proben, die immer unvermeidlicher wirken. Für die Zuschauer bleibt die Aufführung als Mahnung und zugleich als trotziges Akt künstlerischen Widerstands haften.