26 March 2026, 00:22

Wie eine Berliner Künstlerin das osmanische Erzähltheater neu erfindet

Ein Mann in einem weißen Hemd und braunen Hosen steht auf einer Bühne und hält ein Mikrofon in der Hand, während er eine Menge anspricht. Im Hintergrund ist ein pinkfarbenes Banner mit der Aufschrift "Berlin as Fuck" zu sehen.

Wie eine Berliner Künstlerin das osmanische Erzähltheater neu erfindet

In einem kleinen Café in Berlin-Kreuzberg hält Neslihan Arol eine alte osmanische Tradition am Leben. Jede Woche führt sie im Bavul Café den Meddah auf – eine jahrhundertealte Form des Erzähltheaters, das einst im gesamten Osmanischen Reich beliebt war. Ihre Auftritte verbinden Humor, Politik und mehrere Sprachen und stellen dabei die männlich dominierte Vergangenheit dieser Kunstform infrage.

Arols Weg auf die Bühne war alles andere als geradlinig. In einer Familie aufgewachsen, in der ihr Vater ihr das Schauspielern ausredete, studierte sie zunächst Chemieingenieurwesen. Doch ihre Leidenschaft für die Bühne führte sie schließlich 2014 nach Berlin, wo sie acht Jahre lang eine einzigartige Mischung aus Comedy, Clownerie, Stand-up und Meddah entwickelte.

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Der Meddah selbst hat seine Wurzeln im 16. Jahrhundert, als professionelle Geschichtenerzähler in osmanischen Kaffeehäusern das Publikum unterhielten. Diese Solokünstler nutzten Witz, Satire und Volksweisheiten, um die Gesellschaft zu kritisieren, das Publikum zu bilden und Menschen zusammenzubringen – und das ganz ohne visuelle Kunst, die in einigen islamischen Traditionen als problematisch galt. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war der Meddah fester Bestandteil des öffentlichen Lebens.

Arols Interpretation bricht auf vielfältige Weise mit der Tradition. Historisch wurde der Meddah fast ausschließlich von Männern aufgeführt. Sie eignet ihn sich aus einer weiblichen Perspektive an und verwebt feministische Themen in ihre Erzählungen. Auch ihre Clownerie hat einen tieferen Sinn: Für sie ist die Figur ein Werkzeug, um Machtstrukturen bloßzulegen und Erwartungen zu trotzen. Auf der Bühne zündet sie ein Teelicht an – ein Symbol für die Menschlichkeit der Künstlerin. Nach einem beinahen Unfall mit einer alten Gaslampe verwendet sie heute eine sicherere Kerze, die sie am Ende jeder Vorstellung als stummen Abschied ausbläst.

Ihre Auftritte sind alles andere als leise. Die Figuren wechseln zwischen Deutsch, Türkisch und Englisch, verbinden scharfen Humor mit politischer Schärfe. Das Ergebnis ist ein lebendiges, mehrsprachiges Erlebnis, das zugleich zeitlos und dringend modern wirkt.

Arols Arbeit belebt eine verblassende Kunstform neu und führt sie in unerwartete Richtungen. Indem sie weibliche Stimmen in den Mittelpunkt stellt und Sprachen mischt, verbindet sie osmanisches Erbe mit dem Berlin von heute. Jedes Mal, wenn sie die Kerze ausbläst, lässt sie die Tür offen für weitere Geschichten – und für weitere Herausforderungen an die Tradition.

Quelle