Wie ein bayerischer Briefträger mit Postkarten die Landeshymne rettete – und scheiterte
Gerd BuchholzWie ein bayerischer Briefträger mit Postkarten die Landeshymne rettete – und scheiterte
Ein bayerischer Briefträger hielt einst einen Weltrekord, indem er über eine halbe Million Postkarten mit dem Text der Bayernhymne verteilte. Rudolf Hierls Kampagne in den frühen 2000er-Jahren sollte den Einheimischen helfen, sich die Worte ihrer Landesrahmen einzuprägen. Doch selbst prominente Persönlichkeiten – darunter ehemalige Spitzenpolitiker – hatten schon Schwierigkeiten mit dem Text.
Rudolf Hierl, CSU-Mitglied und ehrenamtlicher Stadtrat, verbrachte Jahre damit, Postkarten mit dem vollständigen Text der bayerischen Hymne zu verteilen. Seine Bemühungen brachten ihm einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde ein – als einzige Auszeichnung für die Verbreitung von Hymnentexten. Trotz seiner Arbeit können sich viele Bayern heute nur noch an die erste Zeile erinnern.
Das Problem beschränkt sich nicht auf die Bevölkerung. Der ehemalige Ministerpräsident Edmund Stoiber vergass die Worte einst bei einem öffentlichen Auftritt. Sein Nachfolger, Markus Söder, gab kürzlich zu, dass er möglicherweise auch den Text der Europahymne nicht kenne. Dieses auf Beethovens Neunter Sinfonie basierende Stück enthält zwar eine Anspielung auf einen Cherub, wird aber in der Regel ohne Gesang vorgetragen. Die Europahymne steht für Einheit, Frieden und Solidarität. Anders als die Bayernhymne hat sie keinen offiziellen Text, was sie zwar leichter aufführbar, aber schwerer mitsingbar macht. Hierls rekordverdächtiger Einsatz für die Bayernhymne zeigt, wie selbst bekannte Hymnen in Vergessenheit geraten können.
Hierls eine halbe Million Postkarten bleiben ein einzigartiger Versuch, das musikalische Erbe Bayerns zu bewahren. Die Schwierigkeiten von Persönlichkeiten wie Stoiber und Söder verdeutlichen, wie schnell Hymnentexte in Vergessenheit geraten. Vorerst sind die Bayernhymne und die Europahymne noch zu hören – wenn auch nicht immer gesungen.