"Salome" von Evgeny Titov: Allgegenwärtiges Verlangen
"Salome" von Evgeny Titov: Allgegenwärtiges Begehren
Was tun mit einem Skandalwerk von vor 100 Jahren, wenn der Skandal verflogen ist? An der Komischen Oper Berlin präsentiert Evgeny Titov eine neue Interpretation von Richard Strauss’ Salome – gesangsfreundlich inszeniert.
Die Komische Oper Berlin hat eine mutige Neuinszenierung von Salome vorgestellt, geregiet von Evgeny Titov. Die am 22. November 2025 uraufgeführte Produktion von Richard Strauss’ einst skandalumwitterter Oper vereint Nicole Chevalier in der Titelrolle mit dem Dirigenten James Gaffigan. Das Werk, das einst in Wien verboten wurde, kehrt nun mit einer frischen, aber umstrittenen Deutung nach Berlin zurück.
Weitere Vorstellungen sind für den 7., 12. und 18. Dezember angesetzt.
Richard Strauss’ Salome löste bei ihrer Uraufführung einen Eklat aus und wurde an der Wiener Hofoper verboten, bevor Berlin sie unter strengen Auflagen auf die Bühne brachte. Über ein Jahrhundert später greift Titovs Inszenierung den provokativen Kern der Oper auf, setzt ihn jedoch in eine radikal andere visuelle Sprache um. Rufus Didwiszus’ Bühnenbild verzichtet auf sinnliche Pracht und ersetzt sie durch einen kalten, matt-goldenen Gewölberaum. Dieser Minimalismus kollidiert mit der ästhetischen Anlehnung an eine BDSM-Party am Hof, die mitunter plakativ wirkt und in entscheidenden Momenten an Wirkung verliert – Titovs Konzept bleibt damit unausgeglichen.
Die Inszenierung thematisiert das Begehren mit unerbittlicher Konsequenz. Die Figuren klammern sich aneinander, während ihre Avancen zurückgewiesen werden, und erzeugen so einen Kreislauf aus Sehnsucht und Frustration. Besonders umstritten ist die Gestaltung von Salomes Tanz, für den Titov mehrere maskierte, identische Tänzerinnen einsetzt. Diese Entscheidung steigert zwar Herodes’ Erregung, reduziert Salome jedoch zur passiven Figur und schwächt damit ihre Handlungsmacht in der eigenen Geschichte. Nicole Chevalier meistert die anspruchsvolle Rolle der Salome, indem sie sich sowohl über das tückische Bühnenterrain als auch durch Strauss’ überwältigende Orchestrierung bewegt. Günter Papendells Jochanaan verleiht seinen Zeilen mit stimmlicher Wucht Nachdruck, doch seine körperliche Anspannung verrät einen inneren Kampf mit unterdrücktem Verlangen. Matthias Wohlbrecht als Herodes setzt einen schneidend-harten Ton ein, der die Angst und Grausamkeit des Königs unterstreicht.
Trotz der inkonsistenten Inszenierung bleibt die musikalische Stärke der Oper ungebrochen. Strauss’ Partitur verflicht komplexe Klangteppiche und unverkennbare Leitmotive, die sowohl Kenner als auch Neulinge in ihren Bann ziehen. Die Dramaturgie bleibt straff und packend, sodass die düstere Intensität der Handlung nie nachlässt.
Titovs Salome bietet eine respektable, wenn auch ungleichmäßige Annäherung an Strauss’ Meisterwerk. Die kühnen Entscheidungen – vom kargen Bühnenbild bis zur Darstellung des Begehrens – sorgen für Diskussionsstoff, doch die musikalische Kraft der Oper besteht unvermindert fort. Das Publikum kann diese Interpretation am 7., 12. und 18. Dezember an der Komischen Oper Berlin erleben.