01 February 2026, 18:44

Kretschmanns Abschied beendet eine Ära pragmatischer Grünpolitik in Baden-Württemberg

Ein Vintage-Plakat, das die Zürich Trains Internationalaux in der Schweiz bewirbt, mit einer Stadtkarte, Gebäuden, Wasser und Bergen im Hintergrund sowie Text.

Kretschmanns Abschied beendet eine Ära pragmatischer Grünpolitik in Baden-Württemberg

Winfried Kretschmann, der erste grüne Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes, tritt nach zwölf Jahren an der Spitze Baden-Württembergs zurück. Sein Abschied am 8. März 2023 markiert das Ende einer politischen Ära, die von Pragmatismus sowie einer Konzentration auf Infrastruktur, Forschung und grenzüberschreitende Beziehungen zur Schweiz geprägt war.

Kretschmann stieg 2011 an die Macht, als er die öffentliche Ablehnung des Projekts Stuttgart 21 und die Folgen der Fukushima-Katastrophe für sich nutzte. Sein Führungsstil, der Realismus mit grünen Idealen verband, hinterließ bleibende Spuren in der Wirtschaft und Politik des Landes.

Der 1980 mitbegründete Landesverband der Grünen in Baden-Württemberg bezeichnete sich selbst als hartgesottener Realist. Dieser pragmatische Ansatz half ihm, Wähler in einer Hochburg der Automobilindustrie zu überzeugen – selbst bei flexibler Haltung zum Ausstieg aus Verbrennungsmotoren. Seine Amtszeit begann 2011, als antiatomare Stimmung und Proteste gegen Stuttgart 21 ihn ins Amt hoben.

Unter seiner Führung verschob sich die öffentliche Meinung zu Großprojekten wie Stuttgart 21. Er setzte sich für bessere Schienenverbindungen ein, insbesondere den Rheintal-Korridor, der die Nordseehäfen mit Genua verbindet, und kritisierte dabei die marode Infrastruktur der Deutschen Bahn im Vergleich zu den effizienten Schweizer Bahnen. Seine Bewunderung für das Schweizer System ging über den Verkehr hinaus – er schätzte die engen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Verbindungen, zu denen auch über 60.000 Grenzpendler zählen.

Kretschmann förderte zudem europäische Forschungsgelder und erreichte eine Verdopplung des Budgets für das Programm Horizon im nächsten EU-Haushaltszeitraum. Seine Strategiedialoge zu Automobil- und Agrarsektor wurden später von der EU-Kommission übernommen. Über die Europaministerkonferenz stärkte er die Zusammenarbeit mit der Schweiz, mit Fokus auf Wettbewerbsfähigkeit und Bürokratieabbau.

Doch blieben Herausforderungen: Baden-Württembergs Modellwirtschaft geriet unter Druck, mit Arbeitsplatzverlusten in der Auto- und Maschinenbauindustrie. Kretschmann argumentierte, die Deutschen müssten mehr leisten, und übermäßige Regulierung hemme den Fortschritt. Seine Politik des Zuhörens sollte die Gesellschaft von der Basis aus einen – doch wirtschaftliche Belastungen setzten diesem Ansatz zu.

Kretschmann verlässt das Amt mit dem Erbe, grüne Politik mit industrieller Realität in Einklang gebracht zu haben. Sein Einsatz für Bahnausbau, Forschungsförderung und die deutsch-schweizerische Zusammenarbeit prägte die Prioritäten des Landes neu. Zwar steht Baden-Württemberg vor wirtschaftlichen Herausforderungen, doch sein pragmatischer Stil setzte Maßstäbe für künftige Regierungschefs.

Sein Rückzug beendet ein Kapitel der ersten grün geführten Landesregierung Deutschlands – eine Ära, die von Infrastrukturdebatten, grenzüberschreitenden Partnerschaften und einem unermüdlichen Streben nach Wettbewerbsfähigkeit geprägt war.