08 February 2026, 22:44

"Die Ermittlung" im Stuttgarter Landtag: Schweigen nach der schonungslosen Auschwitz-Aufarbeitung

Eine Karikatur einer Gerichtsszene mit einer Gruppe von Menschen, die sitzen, und einem Mann in der Mitte, einem Tisch mit verschiedenen Gegenständen rechts und Text unten, der 'Boney's Trial, Sentence, and Dying Speech Europe's Injuries Revenged' lautet.

"Die Ermittlung" im Stuttgarter Landtag: Schweigen nach der schonungslosen Auschwitz-Aufarbeitung

Sechzig Jahre nach seiner Uraufführung wurde Peter Weiss' Dokumentarstück "Die Ermittlung" im Landtag von Baden-Württemberg in Stuttgart aufgeführt. Die Inszenierung, die auf Zeugenaussagen aus den Frankfurter Auschwitz-Prozessen basiert, hinterließ das Publikum in betroffenem Schweigen. Die schlichte, ungeschönte Darstellung stellte das gesprochene Wort in den Mittelpunkt und legte die Grausamkeit des NS-Regimes schonungslos offen.

Das Stück greift direkt auf die Prozesse von 1963 bis 1965 in Frankfurt zurück, in denen Überlebende und Zeugen die Schrecken von Auschwitz schilderten. Ihre Berichte offenbaren unvorstellbare Brutalität: ein Kind, das gegen eine Wand geschleudert wird, schwangere Frauen, denen eine zementartige Substanz injiziert wird, und die Verwendung einer "Sprechmaschine" – ein Folterinstrument, mit dem der Sadist Wilhelm Friedrich Boger Opfer zu Tode prügelte.

Weiss' Werk verzichtet auf einfache Täter- oder Heldenfiguren. Stattdessen zeigt es Ambivalenzen auf: deportierte Ärzte, die gezwungen waren, bei Selektionen mitzuwirken, um selbst zu überleben, oder Häftlinge, die sich in der Lagerhierarchie nach oben kämpften, um der Hinrichtung zu entgehen. Diese Widersprüche verstärken die beunruhigende Wirkung des Stücks.

Die Stuttgarter Aufführung sollte die aktive Erinnerungskultur in staatlichen Institutionen verankern. Indem das Stück im Parlamentsgebäude inszeniert wurde, unterstrichen die Veranstalter die Notwendigkeit, sich der Geschichte an Orten zu stellen, an denen über Gerechtigkeit und Erinnerung entschieden wird. Die reduzierte Inszenierung – ohne aufwendige Effekte – lenkte den Fokus ganz auf die Worte der Überlebenden und ließ keine Ablenkung zu.

Weiss' früheres Stück "Die Verfolgung und Ermordung Jean-Paul Marats" hatte 1963 Premiere und fand in deutschen Städten wie München große Beachtung. Obwohl sich die Rezeption im Laufe der Jahrzehnte wandelte, bleibt "Die Ermittlung" eine schonungslose Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, deren Wirkung durch die Zeit nicht geschmälert wurde.

Die Aufführung in Stuttgart war eine Mahnung an den Abgrund der Unmenschlichkeit, wie er in den Auschwitz-Prozessen dokumentiert wurde. Indem das Stück in einen Ort politischer Macht getragen wurde, forderte die Inszenierung sowohl Abgeordnete als auch die Öffentlichkeit auf, sich mit der Geschichte aktiv auseinanderzusetzen – jenseits bloßer Betroffenheit. Die von Schweigen geprägte Reaktion des Publikums sprach dabei Bände.